24. Annual Conference 2014

Datum: 
13.11.14 to 14.11.14
Konferenztitel: 
24. Annual Conference: "The Crisis as a Disease? Economic Rhetoric in Economic and Business History"
Konferenzbeschreibung: 
Ort: Westfälisches Wirtschaftsarchiv Dortmund
                                                                                                                                                                                  

Die Dynamik von Aufschwung und Niedergang ist der Ökonomie inhärent. Die Krise als unweigerlich wiederkehrendes Phänomen wird sowohl in der Wirtschaftsgeschichte als auch den Wirtschaftswissenschaften seit langem untersucht, tritt aber erst langsam in den Fokus der Unternehmensgeschichte. Die Konjunkturtheorie interpretiert Krisen modellhaft und mechanistisch als Gleichgewichtsstörung der ökonomischen Basiskräfte Angebot und Nachfrage und verbindet sie mit Innovationsprozessen oder wirtschaftspolitischen Fehlentwicklungen. Ausgehend von Schumpeters Bild der «Schöpferischen Zerstörung» oder der Annahme von «Produkthalbwertszeiten» scheinen auch Unternehmen einem Lebenszyklus zu unterliegen – in der öffentlichen Wahrnehmung treffen die akademischen Analysen aber auf wesentlich emotionalere Deutungen. Wie in der jüngsten Banken- und Schuldenkrise erkennbar, schürt der Abschwung Sorgen und Erklärungsnöte. Wirtschaftskrisen verbinden sich im Alltag der Menschen mit der Angst vor Arbeitslosigkeit, Lohneinbußen oder Inflationsverlusten. Unternehmerische Akteure fürchten Gewinneinbußen oder sogar den Verlust ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenzgrundlage. Der Glauben an staatliche Handlungsspielräume und das Vertrauen in die Seriosität unternehmerischer Akteure werden infrage gestellt. Die im kollektiven Gedächtnis tief verankerten Erfahrungen vergangener Rezessionen werden geweckt und prägen die Interpretation und Rezeption von Krisen in Politik, Medien und Gesellschaft. Hier setzt die Tagung an und fragt nach medizinischen Narrativen und Metaphern in Krisendiskursen, die ein tief verankertes Deutungsmuster ökonomischer Fehlentwicklungen zu sein scheinen.

Die Tagung verfolgt das Ziel, die Sinn- und Deutungskonstrukte hinter den dominanten Formen einer biologistisch-medizinischen Krisenrezeption in unterschiedlichen historischen Kontexten aufzuzeigen. Sie fragt nicht nach einer Krisenkommunikation im engeren Sinne, sondern danach, wie wirkungsmächtig die «Rhetorik des Ökonomischen» für Motive und Handlungsmuster unternehmerischer, wirtschaftlicher oder politischer Akteure ist. Zugleich möchte sie durch die Analyse von Krisendiskursen einen Ausgangspunkt für weiterreichende Überlegungen zum Verhältnis von Wissen und Wirtschaft, Diskurs und Ökonomie sowie der soziokulturellen Einbettung wirtschaftlicher Phänomene bieten. Wirtschaft- und Unternehmensgeschichte treten in einen Dialog mit Beiträgen und Anstößen aus den Kultur- und Sprachwissenschaften, der Wissenssoziologie und Medizingeschichte.


Programm:

Donnerstag, 13. November

14.00–14.30 Uhr Begrüßung und Einführung

Stefanie van de Kerkhof (Düsseldorf/Siegen): Begrüßung
Karl-Peter Ellerbrock (WWA Dortmund): Begrüßung
Roman Rossfeld (Genf/Zürich): Einführung

14.30–17.00 Uhr I. Krisendiagnosen: Deutungsmuster und die Diskursivität ökonomischer Krisen
Chair: Florian Triebel (München) Kristoffer Klammer (Bielefeld): Von «Ansteckungen», «bitteren Pillen» und «chirurgischen Eingriffen»: Vorkommen und Funktionen von Krankheits- und Medizinmetaphern in Wirtschaftskrisendiskursen
Nina Peter (Berlin): Krisen-Rhetoriken: Gesundheit und Krankheit als Denkfiguren in journalistischen und literarischen Darstellungen von Wirtschaftskrisen
Hans Jörg Schmidt (Heidelberg): Konjunkturen der Angst. Zur Rhetorik und Metaphorik des «Organischen, Vitalistischen, Biologischen» in ökonomischen Krisendiskursen

17.15-19.00 Uhr Verleihung des AKKU-Nachwuchspreises und Jahreshauptversammlung

Freitag, 14. November, 9.00–10.30 Uhr II: «Wirtschaftskörper» und Wirtschaftspolitik: Experten als Ärzte der Volkswirtschaft?
Chair: Stefanie van de Kerkhof (Düsseldorf/Siegen)
Kristin Kuck (Düsseldorf): Von Krisenviren, Fieberkurven und dem drohenden Infarkt des Zahlungssystems. Ein diachroner Vergleich der Rechtfertigung von «Krisenpolitik» durch Metaphern
Stefan Scholl (Siegen): Politik als Krankheit – der «Nationalökonom als Arzt»: Organisch-medizinische Metaphern im Grenzziehungsdiskurs zwischen Wirtschaft und Politik im 20. Jahrhundert

10.30–11.00 Uhr: Kaffeepause

11.00–12.30 Uhr III. Börsen und das «Fieber» der Spekulation
Chair: Boris Gehlen (Bonn)
Alexander Engel (Göttingen): Fieber, Schwindel, Hysterien: Biologistische Konzeptionen von Spekulationskrisen
Sebastian Giacovelli (Gießen): «Was kann das Thermometer dafür, dass es Fieber anzeigt?» – Die Rolle biologistisch-medizinischer Metaphern im börslichen Stromhandel

12.30–13.30 Uhr: Mittagessen

13.30–15.00 Uhr: IV. Krisenkommunikation, Resilienz und Unternehmenskrisen
Chair: Christian Marx (Trier)
Katja Patzel-Mattern (Heidelberg): Unternehmenskommunikation industrieller Unfälle – Carl Bosch und das Explosionsunglück bei der BASF 1921
Benjamin W. Schulze (Göttingen): Brauereien im «Überlebenskampf»: Krisendiagnosen zwischen Verwundbarkeit und Resilienz im Strukturwandel der 1970er Jahre

15.00–16.00 Uhr: Schlusskommentar / Diskussion: Ingo Köhler (Göttingen)